Der Weiler hat keinen eigenen Namen, er liegt ein paar Kilometer ausserhalb von Albstadt auf der Schwäbischen Alb. Von aussen lässt nichts darauf schliessen, dass im Atelier von Wilhelm Rieber wunderbare Uhren gebaut werden: Es ist ein schlichter Anbau an ein sehr schlichtes Einfamilienhaus. Angeschrieben ist es nicht, in der Tür hängt ein Schild mit den Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 14 bis 18 Uhr.
Wild pulsierend
«Meine Eltern haben mich quasi gezwungen, Uhrmacher zu werden», erzählt der 48-jährige Rieber, «ich hatte gar keine andere Wahl.» Doch wo Rieber eine Wahl hatte, das war, wie er seine Karriere als Uhrmacher gestaltete. Es war für ihn von Anfang an klar, dass sein Lebensziel nicht darin bestehen kann, in billigen Schwarzwalduhren den Kuckuck wieder zum Leben zu erwecken – er wollte immer etwas Aussergewöhnliches, Ungewöhnliches schaffen. Und da kam für einen ambitionierten Uhrmacher eigentlich nur etwas in Frage: ein Tourbillon.
Das erste hat er 1988 gebaut, eine Taschenuhr. Dann wagte er sich an eine Armbanduhr, und das unter erschwerten Umständen. Rieber konstruierte sein zweites Tourbillon nicht einfach auf der Technik, die Abraham-Louis Bréguet Anfang des 19. Jahrhunderts hatte patentieren lassen (siehe Box links), sondern griff den Verbesserungsvorschlag von Alfred Helwig von 1920 auf, der das Tourbillon so genannt «fliegend» gelagert hatte, also ohne die Balken, die das wild pulsierende Herz der Bréguet-Konstruktionen einschnüren.
Das stellt vor besondere Schwierigkeiten: Das Drehgestell, das aus 68 Einzelteilen besteht, muss ganz leicht sein und doch stabil. Rieber sägt es aus gehärtetem Stahl, von Hand, dann wird es während Stunden, ja, Tagen poliert, gefeilt, natürlich wieder von Hand. Auf einen Hunderstelmillimeter genau. 1000 Stunden vergehen, bis der Schwabe ein Stück fertig hat, rund ein halbes Jahr, denn dazwischen renoviert er halt auch noch Museumsstücke.
120000 Euro
Doch damit könnte es bald vorbei sein. Es begann mit einem Glücksfall. Rieber begegnete vor ein paar Jahren Thomas Schuhmacher, damals zuständig für Marketing und Kommunikation der frisch wiederbelebten DaimlerChrysler-Tochter Maybach, der stellte ihn dem Maybach-Chef Leon Hustinx vor, und schon war die Zusammenarbeit beschlossene Sache. Rieber fertigte ein Zifferblatt im Maybach-Design für seine Tourbillon, die DaimlerChrysler-Leute liessen ihre PR-Maschinerie anlaufen, und seit dem Frühjahr 2004 gehört das Rieber-Tourbillon zum Accessoiresangebot von Maybach. Wie etwa das Gepäck des englischen Satttlers Dunhill. Kosten tut die schlichte Uhr mit dem Minuten- und Stundenzifferblatt oben sowie dem wie wahnsinnig wirbelnden Tourbillon unten, das auch noch die Sekunde treibt, die Kleinigkeit von 120000 Euro; die Serie ist auf 12 Stück limitiert.
Bisher existiert nur ein Maybach-Tourbillon von Rieber, ein Ausstellungsstück, das schon um die ganze Welt gereist ist und regelmässig mit grossem Aufwand auf verschiedenen Ausstellungen vorgestellt worden ist. Bestellt hat noch niemand eine solche Uhr – zumindest keine mit dem Maybach-Logo.
Gipfel der Kunst
Doch Rieber profitiert trotzdem, denn schon mindestens ein halbes Dutzend Maybach-Kunden haben Tourbillons bei ihm bestellt; allerdings immer ohne das Label des Autoherstellers. Einfach ein Rieber-Tourbillon, das es auch ein bisschen günstiger gibt, für knapp 100000 Euro nämlich. Ein arabischer Scheich, der im «Center of Excellence» in Sindelfingen auf den Uhrmachermeister aufmerksam wurde, überlegt sich gerade eine grössere Anschaffung, für einen bekannten deutschen Industriellen hat der Uhrmacher von der Schwäbischen Alb zwei Stück produziert, allerdings in einer schicken, rechteckigen Form.
Man gönnt dem Wilhelm seinen Erfolg. Man schaut fasziniert auf seinen einfachen Arbeitsplatz, billige Holz- und Stehpulte, Lupe, ein paar Werkzeuge – es ist schwierig, sich vorzustellen, dass hier der Gipfel der Uhrmacherkunst entsteht. Ausser Zifferblatt, Zeiger, Gehäuse, Gläser und Band macht der schwäbische Meister alles selber, kein Computer, keine technischen Hilfsmittel, bloss ein gutes Auge und eine ruhige, eine sehr ruhige Hand. «Verreckt ist mir zum Glück noch keine», sagt Rieber in seiner entwaffnenden Art. Eigentlich ist es ihm peinlich, dass sich jetzt arabische Scheiche und Journalisten die Klinke zu seinem Atelier in die Hand geben, «eigentlich han i die Uhr für mi g’macht».
Das Tourbillon
Um Lageveränderungen einer Taschenuhr aufzuheben, erfand Abraham Louis Bréguet (1747-1823) um 1800 das (und nicht: die) Tourbillon. Es handelt sich dabei um eine besondere Vorrichtung (meist) in Armband- und Taschenuhren, um einen Fehler der Ganggenauigkeit aus dem Schwerkrafteinfluss auszugleichen. Durch die immer unterschiedliche Bewegung am Handgelenk ist das Tourbillon in Armbanduhren jedoch eher als technische Spielerei zu sehen und nicht als wirklich sinnvolle Uhrenkomplikation. Bei Taschenuhren gilt dies nicht.
Beim Tourbillon (französisch für Wirbelwind) wird das Ankerrad, der Anker und die so genannte Unruh auf einer kleinen Platte in einem Drehgestell montiert, in einem auf der Welle des Sekundenrades sitzenden Käfig. Der Sekundentrieb wird von unten an das Drehgestell geschraubt und fest auf der unteren Platine verbaut. Das Drehgestell, in dessen Mitte die Unruh genau über der Welle des Sekundenrades schwingt, dreht sich um das festgeschraubte Sekundenrad. Dabei läuft der Trieb des Ankerrades auf diesem ab. Wenn sich also das Sekundenrad einmal pro Minute dreht, macht das Tourbillon diese Drehung mit. Dadurch treten Lagen- oder Schwerpunktfehler nicht mehr auf – oder werden einmal in der Minute (abhängig von dem Tourbillon) ausgeglichen.
Allerdings kann ein Tourbillon den Lageausgleich nicht zielgerichtet durchführen. Eine Armbanduhr wird permanent in unterschiedliche Richtungen bewegt, daher kann der Lageausgleich auch nicht vollständig durchgeführt werden. Das Tourbillon wurde ursprünglich für Taschenuhren entworfen, da sich die Position dieser Uhren kaum ändert; daher ist ein Lageausgleich durchaus sinnvoll. Auch Temperaturschwankungen beeinflussen diese Uhren fast genauso stark wie normale mechanische Uhrwerke.
Tourbillons sind technisch sehr komplex und nicht sehr robust. In den vergangenen 200 Jahren wurden nur etwa 700 verschiedene Tourbillons konstruiert, da diese als sehr schwierig zu bauen gelten. Aus diesem Grund sind Tourbillon-Uhren teuer und sehr begehrt; alle bekannten Uhrenmarken schmücken sich gerne mit dieser Komplikation. Die Einstellung und Reparatur einer Tourbillon-Uhr erfordern ein hohes Mass an Fachkenntnissen und Sorgfalt.
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